Desinformation

von Klaus Grill

6.11.`18

Auf der Website von Clevershuttle findet sich eine kleine, aber bedeutsame Information. Dort heisst es:

Was beinhaltet das sogenannte Fair-Pricing?

An einigen Standorten testen wir aktuell das Fair-Pricing-System. Dieses beinhaltet, dass der Fahrtpreis in Zeiten mit geringer Nachfrage bis zu 25% unter den Normalpreis sinkt. In Zeiten, in denen die Nachfrage besonders hoch ist, steigt der Preis bis zu 25% über den Normalpreis. So stellen wir sicher, dass bald noch mehr Shuttles verfügbar sind um die steigende Nachfrage zu bedienen.

Clevershuttle.de

Clevershuttle macht also "Surge-Pricing". Das ist eine Strategie, in der Preise sich ständig verändern oder wie es bei Asterix heisst:  "Die Preise fliegen über den Markt".
Vgl. Obelix GmbH & Co. KG

Da Surge-Pricing aber ein schlechtes Image hat, weil die Menschen schnell frustriert sind und sich empören, wenn Preise an Tankstellen, bei Hotels oder Flugreisen unberechenbar sind, hat Clevershuttle das böse Wort durch ein freundliches ersetzt.

Test

Ob Surge-Pricing "fair" ist oder Verarschung, wollten wir herausfinden. Ein Fall also für das BS-O-Meter™ !


Wie erwartet, sehen wie einen starken Pegelausschlag, der einen hohen BS-Anteil anzeigt. Das sogenannte "Fair-Pricing" ist also ein Euphemismus, ein "Glimpfwort" um dessen wahre Bedeutung zu verschleiern.

Clever

Clevershuttle behauptet zwar, durch Surge-Pricing die Bedienfähigkeit bei schwankender Nachfrage steuern zu wollen, aber das könnten sie ja auch ohne Einsatz einer Mathe-Vernichtungswaffe, die für sie Mondpreise berechnet. Schließlich mussten Unternehmer schon immer - egal in welchem Geschäfts-Bereich - ihre Ressourcen planen, kalkulieren und dabei ein Risiko eingehen. Für Clevershuttle kommt das aber nicht infrage, sie sind eben "clever".

Deshalb klingt die Begründung für ihr Surge-Pricing wie ein Naturgesetz, was es jedoch nicht ist, sondern ein Trick.

Um ihn zu verstehen, machen wir einen kleinen Ausflug in die wunderbare Welt der sozialen Marktwirtschaft der BRD. Es geht auch ganz schnell und tut nicht weh. Versprochen.

Mündige Bürger

Eine Voraussetzung zum Gelingen unserer Demokratie ist, nach dem Verständnis der Gründungsväter dieses Landes, ein "mündiger Bürger". Es bedeutet, dass man versteht, wie etwas gemeint ist und dass man in der Lage ist, befördert durch Bildung, Aufklärung und Information, sich selbstverantwortlich und sozialverantwortlich ein Urteil zu bilden. Das ist der Grund, warum es zum Beispiel öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt, nämlich, damit der Bürger eine Chance hat, diesem Anspruch zu genügen.

Homo Oeconomicus

In der Ökonomie gibt es eine ähnliche Vorstellung, nämlich die vom "Homo Oeconomicus". Es bedeutet, dass sich z.B. ein Kunde, aufgrund aller ihm zugänglichen Informationen auf dem Markt, ein Urteil bilden kann. Zum Beispiel, was die Preise betrifft.
Damit sich die selbstregulierenden Kräfte des Marktes entfalten können und die Marktwirtschaft insgesamt gelingt, müssen Märkte transparent sein. Das bedeutet, der wirkliche Wert einer Ware oder Dienstleistung muss für den Kunden erkennbar sein. Informationen wie Preisschilder müssen z.B. der Wahrheit entsprechen und der Kunde muss kalkulieren können, ob ein Produkt oder eine Dienstleistung ihm nützt oder nicht.

Desinformation

Obwohl Firmen immer gern versuchen den Eindruck zu erwecken, dass der Preis für ihr Angebot nur zum Nutzen des Kunden ist und nicht zu ihrem eigenen, wissen wir doch insgeheim, dass beides nicht gehen kann.
Eine der Methoden, mit der Firmen versuchen dieses Dilemma zu umgehen und ihren Umsatz zu steigern, ist die Vernunft des Homo Oeconomicus zu zerrütten. Ziel ist es, die Kunden zu verwirren und sie maximal zu frustrieren, wenn sie versuchen heraus zu bekommen, ob ihnen das Angebot nützt oder nicht.
Denn wenn Kunden nicht mehr kalkulieren können, ob eine Ware oder Dienstleistung ihren Preis wirklich wert ist, dann werden sie es auch irgendwann nicht mehr versuchen.
Wenn der Kunde die Erfahrung gemacht hat, dass es keinen Zweck hat, nachzurechnen, zu vergleichen oder abzuwägen, weil der Preis eines Angebots zu kompliziert zu errechnen ist oder sich ständig ändert, erst dann ist der Kunde reif. Erst dann wirken PR, Desinformation und Manipulation, denn der Kunde ist nun nicht mehr "mündig".
Man kann ihm dann alles verkaufen.

Na und?

Wenn die selbstregulierenden Kräfte des Marktes korrumpiert sind, wenn Märkte dysfunktional werden, dann wird das irgendwann ein Problem für alle Bürger - egal ob mündig oder nicht.
Wenn Märkte nicht mehr funktionieren, dann kann es passieren, dass die Bürger von ihren Steuergeldern wieder mal einen Konzern oder eine ganze Branche retten müssen. Oder, dass die Versorgung der Bürger mit Waren oder Dienstleistungen nicht mehr gewährleistet ist - zum Beispiel die Versorgung mit Mobilität.

Worum ging es nochmal?

Da aber der "Homo Economicus" und der "mündige Bürger" ein dieselbe Person sind - nämlich Du, ich, er und sie - ist es gefährlich, wenn wir uns, bedingt durch Desinformation, PR und Manipulation der Worte, kein "selbstverantwortliches und sozialverantwortliches Urteil" mehr bilden können. Sei es, was Waren und Dienstleistungen angeht oder sei es, was Umweltschutz und ÖPVN betrifft.
Wenn wir als Kunde oder Bürger maximal frustriert wurden und nicht mehr durchblicken, wenn wir nicht mehr erkennen können, was ein Begriff wirklich bedeutet oder was die wirkliche Aussage ist, dann sind wir reif. Dann kann man uns alles verkaufen. Politisch, wie ökonomisch.
Wenn es plötzlich ok ist, dass ausgerechnet ein Dieselkonzern wie VW, die Deutungshoheit darüber erlangt, was umweltfreundlich ist und den Verkehr reduziert und was nicht, dann wird es ein böses Erwachen geben.
Wenn ausgerechnet turbo-kapitalistische Plattform-Firmen wie Uber, Clevershuttle oder Moia die Deutungshoheit darüber bekommen, was "fair" ist und was Ausbeutung, dann hat das Auswirkungen über die reine Marktwirtschaft hinaus.
Und zwar auf…

die Demokratie.

travis bickle