Happy Hour

Von Klaus Grill

22.1.`18


Science Fiction ist ja meistens irgendwas mit Raumschiffen. Es gab auch mal was mit Gesellschaft - "1984", da ging es um Faschismus und so Sachen. Im "Blade Runner" ging es um das Versagen der zivilen Ordnung und in "Matrix" ging es um Menschen als Rohstoff.

In Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus geht es darum, dass das Verhalten der Menschen gesteuert und automatisiert werden soll. Allerdings ist diese Science Fiction kein Fiktion, sondern ein Sachbuch. In der Wirklichkeit geht das in etwa so:

Voll normal

Es ist Wochenende als Du fest stellst, dass Dir die Dübel ausgegangen sind. Du guckst bei Google, wie lange der Baumarkt am Samstag auf hat, springst ins Auto und fährst los. Kurz vor der Kreuzung, meldet sich Dein Smartphone und schlägt Dir die Route in ein Einkaufszentrum vor, wo es auch einen Baumarkt gibt, aber mit mehr Auswahl und größerem Parkplatz. Du denkst, "ok" und fährst dorthin. Du kaufst die Dübel und auf dem Weg zum Auto, macht Dich Dein Smartphone auf ein Bistro aufmerksam, wo gerade Happy Hour ist. Du hättest gerne ein Bier, aber Du musst ja noch fahren, Dein Smartphone schlägt Dir zwar einen neuartigen "Sellerie-Soya-Smoothie" vor, aber Du nimmst lieber 'ne Cola zusammen mit 'nem Burger und Pommes.

Als Du auf dem Parkplatz in Dein Auto steigst, hat Deine Smartwatch in der Zwischenzeit Deinen Schweiß analysiert und zu hohe Cholesterinwerte festgestellt. Dies verstößt gegen die Gesundheitsklausel in Deiner Kraftfahrzeugversicherung, weshalb Dein Smart-VW eine Motorsperre durchgeführt hat und Dein Auto nicht startet. Dumm gelaufen, denn weil das schon der 3te Verstoß dagegen ist, wird Deine Prämie in Echtzeit hochgestuft und Du musst auch noch den Unlock-Code bezahlen, um Dein Auto wieder benutzen zu können. Aber nicht Heute. Erst wenn Deine Blutwerte wieder ok sind und Du ein Health-Incentive absolviert hast, wo Dir der Zusammenhang zwischen CO2-Werten, Rindfleisch, dem Planeten und Deinem eigenen Verhalten erklärt wird. Nicht zum ersten Mal, übrigens.

Du fragst Dich, wie Du Dich damals nur auf diesen irre Deal einlassen konntest, aber leider gab es den Smart-VW nur im Bundle mit der Versicherung und einem wirklich fetten Rabatt. Du überlegst, die Smartwatch einfach in den Müll zu schmeissen, aber Du erinnerst Dich, dass dies gegen den Leasingvertrag verstößt und zum Verlust des Fahrzeugs führen kann.

Einzige Chance für Dich, jetzt nach Hause zu kommen und die Dübel in die Wand zu hauen, ist es, den Moia zu nehmen, den Dein Smartphone gerade für Dich bestellt hat.

Du steigst ein und bist sofort genervt von der Werbung, die sie Dir auf dem Bildschirm in der Kopfstütze einspielen. Du stülpst die Plastiktüte aus dem Baumarkt drüber, aber die Webcam in dem Monitor hat Dich bereits identifiziert und Dein Smartphone informiert Dich darüber, dass das gegen die Moia Beförderungsbedingungen verstößt und Du verpflichtet bist, die für Dich personalisierte Werbung, in der im Handy-Vertrag fest gelegten Dosierung zu konsumieren. Du ärgerst Dich, dass Du den Handy-Vertrag damals überhaupt abgeschlossen hast, aber nun ist es zu spät und ausserdem müsstest Du ja sonst fürs Smartphone und Mobilfunk bezahlen, so wie früher. Also nimmst Du die Tüte wieder vom Monitor und gerade als Du sie Dir einfach selbst über den Kopf gezogen hast, springen Smartphone und Watch in den Alarmmodus. "Ok" denkst Du, guckst brav die Werbung in der Kopfstütze, wo sie Dir einen Kurztrip nach Kreta für 13,-€ anbieten und sehnst Dich nach einer Zigarette.

Als Du am nächsten Morgen aufwachst, stellst Du fest, dass das alles kein Traum war und Du fragst Dich, wie es nur so weit kommen konnte. Du fragst einen Freund und der sagt: "Wieso? Ist doch normal."

1984

"1984" war auch der Titel eines berühmten Werbespots von Apple aus dem Jahr 1984. Ridley Scott, der Regisseur von "Alien" und "Blade Runner" hat ihn gedreht. Es geht um Apple als Rebell und Widerstandskämpfer gegen die Unterdrückung der Menschheit durch einen digitalen Doktor Mabuse.


Der Spot bekommt seine wirkliche Relevanz erst Heute, denn damals war man in Wahrheit von digitaler Überwachung so weit entfernt, wie vom Mond. Damals ahnte auch niemand, dass es gerade Apple selbst sein würde, das durch die Erfindung des iPhones eine Art Brandbeschleuniger für die Entwicklung des Überwachungskapitalismus bauen würde.

Überwachungskapitalismus

Shoshana Zuboff ist eine amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin und emeritierte Professorin für BWL an der Harvard Business School. Sie war in den 80ger Jahren eine der ersten Frau, die dort eine Professur erhielt.

Sie publiziert in Zeitungen und hat in oben erwähntem Buch die Strategien und Methoden untersucht, die Technologie-Konzerne a la Google, Facebook & Co anwenden, um mit Daten Geld zu verdienen. Sie untersucht, wie solche Konzerne die Gesellschaft, den Staat und das Bewusstsein der Öffentlichkeit unterwandern. Wie sie sich die Gutgläubigkeit, Unwissenheit und die Trägheit der Menschen zu nutze machen, um ihr neues Geschäftsmodell durchziehen zu können.

Das Taxigewerbe und das Internet

Wenn man sich das Internet von früher anguckt, bevor es von Google, Facebook & Co usurpiert wurde und das Taxigewerbe von Heute, 5 Minuten bevor es von den Konzernen industrialisiert wird, dann fallen einem gewisse Ähnlichkeiten auf.

Anfangs war das Internet ein freier Raum für jeden. Es war kleinteilig, multikulturell und unorganisiert. Jeder konnte seinen Blog, seinen Shop, seine Website dort einstellen. Viele kleine Einheiten und Unternehmen. Es gab gewisse Hürden technischer und administrativer Art, um dort mit zu machen, aber es war möglich. Und - von der Industrie keine Spur. Die Konzerne lieferten die Geräte für das Internet, aber sie waren nicht selbst das Internet. Das änderte sich als Google, Facebook & Co es industrialisierten. Jetzt sind sie sind das Internet.

Das Taxigewerbe ist auch ein freier Raum für jeden. Es gibt gewisse Hürden technischer und administrativer Art, um dort mitzumachen, aber es ist möglich. Es ist kleinteilig, unorganisiert und dass es multikulturell ist, steht nun wirklich ausser Frage. Man kann als Graupe fahren, mit Funk, mit App, Tags oder Nachts, allein oder mit angestellten Fahrern. Die Konzerne liefern zwar die Fahrzeuge, aber sie sind nicht das Taxigewerbe. Noch nicht.

Überwindung der Schwerkraft

Anfangs war Google nur ein Start-Up und machte mit seiner Suchmaschine keinen Gewinn. Dann platzte die Dotcom-Blase und Google geriet unter Druck durch die Investoren. Google entschied sich dafür, seine Möglichkeiten zu nutzen, um die Daten der Ureinwohner des Internets als Rohstoff zu verkaufen. Sie wurden nun systematisch abgebaut, als wäre es ein Mineral. Erst waren es nur Suchbegriffe, dann Metadaten, dann alles, was Menschen in ein Google-Produkt eintippen. Google Mail, Google Maps, Google-Docs, Google-Calender, Google-Cloud etc. etc. etc. Alle Daten und Inhalte der Benutzer werden von einem Algorithmus nach Verwertbarem durchsucht. Google würde auch unseren Müll durchwühlen, wenn es ein Geschäft für sie wäre. Das gleiche gilt für Facebook, Whats-App, Instagram.

Die Innovation des Datenhandels war eigentlich nicht die Technik, nicht die Software, die Innovation dabei war eine betriebswirtschaftliche. Dass die normale Rollenverteilung in einer Geschäftsbeziehung durch den Wolf gedreht und auf den Kopf gestellt wurde - das war die Innovation. Es war wie die Überwindung der Schwerkraft, nämlich wie man etwas verkaufen kann, ohne Geld dafür zu nehmen - und dabei trotzdem reich wird.

Egal ob Google, Facebook, Whats-App oder Anbieter irgendwelcher Apps die z.B. Standortdaten sammeln - der Kunde ist nicht mehr der Kunde, sondern der Rohstoff. Es sind die Menschen, die zu so etwas wie Weizen geworden sind. Oder wie Lege-Hennen. Wie Vieh. Sie liefern den Rohstoff für ihre eigene Ausbeutung. Die Währung ist nicht mehr Geld, sondern Daten. Der Kunde ist nicht der Benutzer, sondern die Werbe-Industrie und sie bezahlt als einzige wie früher mit echtem Geld.

Und diese Verdrehung der Tatsachen geschah ohne Ankündigung, ohne Erklärung, ohne dass wir es wussten oder begriffen haben. Unsere Regierungen, die in der wirklichen Welt Normen für jedes Wirtschaftsverhältnis festlegen oder den Grad der Krümmung einer Banane, waren zu blöd, zu träge, zu faul, sich darum zu kümmern, diese perverse Verdrehung der Wirklichkeit zu verhindern oder wenigstens zu regulieren. Ist ja alles noch "Neuland".

Schneeball werfen

Zwar ist die berüchtigte Datenschutzgrundverordnung der EU eine Maßnahme gegen den Überwachungskapitalismus, aber Shoshana Zuboff merkt dazu an, dass die DSGVO so ist, als würde man Schneebälle gegen eine Mauer werfen. Denn das Gesetz verbietet den Überwachungskapitalismus nicht, sondern versucht nur eine lahme Regulierung.

Sie sagt, der Überwachungskapitalismus ist eine Mutation seiner ursprünglichen Form und weitaus radikaler. Ging es bisher nur um Daten, um die Vorhersage von Verhalten und personalisierte Werbung, soll es in Zukunft darum gehen, das Verhalten der Menschen zu steuern und zu automatisieren um daraus neue Geschäftsfelder zu generieren. Im Bereich der "KFZ-Telematik" zugunsten von Versicherungen kann man erkennen, was bereits möglich ist.

Um neuartige Geschäftsfelder zu erschliessen und "innovative" Mehrwerte zu konstruieren, muss jedoch das Bewusstsein der Menschen verändert werden, damit sie die neuen Spielregeln als etwas logisches oder etwas natürliches empfinden und nicht als Perversion. So wie es Google, Facebook & Co bereits mit der klassischen Rollenverteilung Kunde/ Rohstoff/ Währung gelungen ist. Der selbstbestimmte Wille des Menschen muss unterwandert und mit einer Mischung aus Belohnung, Strafen und Blockaden kontrolliert werden, damit der Übergriff des Geschäftsmodells nicht als Grenzüberschreitung empfunden wird. Belohnungen können Rabatte sein, niedrige oder gar keine Preise und das warme Gefühl sich synchron mit der Meinung des Mainstreams zu wissen, weshalb Greenwashing so gut funktioniert. Strafen können das sein, was man früher "den Preis" nannte, es können zusätzliche Kosten sein oder die Verweigerung des Zugangs zu diesen "innovativen" Dienstleistungen und Produkten.

"1984" ist dagegen ein Schauermärchen für Kinder.

Mutation IRL

Fast 20 Jahre nach der Erfindung von Googles Geschäftsmodell und des Überwachungskapitalismus kommen nun auch die klassischen, analogen Industrien auf den Trichter und versuchen etwas vergleichbares. Das Inkaufnehmen riesiger Verluste, bis das eigene Geschäftsmodell sich durchgesetz und so etwas wie den Google-Status erreicht hat, gehört dazu. Siehe Uber. Es geht dabei um komplette Übernahmen eines Marktes, absolute Dominanz eines eben noch öffentlichen Bereichs, so wie Google und Facebook das Internet übernommen haben, nur diesmal IRL - in real life. In der wirklichen Welt. Die in der echte Menschen leben.

Der Dieselskandal ist für VW ein vergleichbarer Wendepunkt, wie damals für Google das Platzen der DotCom-Blase. VW stand dabei massiv unter Druck von allen Seiten, der Politik, der Presse, der amerikanischen Justiz. VW wird alles tun, alles investieren, jede Methode anwenden, die nötig ist, um das Ziel zu erreichen - Dominanz bei allen "innovativen" Geschäftsfeldern und Produkten. Und für Moia wollen sie den Google-Status.

Zwar ist die einzige Innovation von z.B. Moia, das Nachäffen von Uber mit einem monströsen Auto, das so umweltschonend ist, wie ein Kohlekraftwerk an der Elbe - aber egal. Das ist nur eine Frage wie die in dem Film "Matrix":

Nimmst Du die blaue Pille und lebst in der Scheinwelt schöner Illusionen? Oder nimmst Du die rote Pille und folgst dem weißen Kaninchen in eine bunte Wirklichkeit?

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travis bickle