Poolnapping

von Ivica Krijan

3.9.`19

Am 28.08.`19 um 14 Uhr wollte ich zusammen mit einer Begleitung in einem MOIA von der Ernst-Horn-Straße 36 in die Rathausstraße 6 fahren. Als wir einstiegen, zeigte das MOIA-Display keinen zweiten Besteller an und wir freuten uns darauf, allein zu fahren.
Als wir schon in der Innenstadt, am Sieveking Platz waren und damit nur noch 1,4 Kilometer von unserem Ziel entfernt, erschien eine Meldung auf dem Display, die alles kaputt machte, denn jetzt mussten wir erst noch Jemand im Schottweg, auf der anderen Seite der Alster abholen, der Richtung Hafen, in die Helgoländer Allee wollte. Damit hatte sich die Reihenfolge wie folgt verändert:

  1. Zweiten Besteller abholen (3,8 Km)
  2. Uns absetzen (3,2 Km)
  3. Den zweiten Besteller absetzen (2,4 km)

Wie gesagt - wir waren nur noch 1,4 Km vom Ziel entfernt, aber der futuristische MOIA-Algorithmus legte mal eben 5,6 Km drauf und sorgte dafür, dass wir 3,2 Km zusammen mit einem 2ten Besteller an Bord verbrachten und so taten, als wäre das wirklich Pooling.

Pooling-Index

Wären beide Strecken mit einem Privat-PKW zurück gelegt worden, sähe die Sache so aus:

Aufträge

Start Ziel Kilometer
Auftrag 1 Ernst-Horn-Straße 36 Rathausstraße 6 7,6 Km
Auftrag 2 Schottweg Helgoländer Allee 4,7 Km
12,3 Km

Die Phasen

Der Ablauf der Fahrt mit MOIA mit entsprechenden Phasen und Kilometern:

Aufträge

Start Ziel Kilometer
Phase 1 Anfahrt zu FG 1 Ernst-Horn-Str. 3,2 Km
Phase 2 Anfahrt zu FG 2 Schottweg 9,8 Km
Phase 3 FG 1 absetzen Rathausstraße 3,2 Km
Phase 4 FG 2 absetzen Helgoländer Allee 2,4 Km
18,6 Km

Wären beide Fahrten mit Privat-PKWs gemacht worden, ergäbe das eine Verkehrsbelastung von 12,3 Km. Mit MOIA wurden es 18,6. Damit ist der Pooling-Index von MOIA pro gefahrenen Kilometer 0,66 und damit schlechter als Privat-PKWs.
Die Formel für den Pooling-Index sieht so aus:

12,3 / 18,6 = 0,66

Dass MOIA durch Pooling mehr Kilometer und dadurch mehr Verkehr verursacht und nicht weniger, kennen und wissen wir mitlerweile. Aber inzwischen verfestigt sich eine neue Erkenntnis.

Poolnapping

In der Geschichte des Kidnappings spielen Transporter mit Schiebetüren eine wichtige Rolle, um die Opfer schnell zu verladen. Besonders im Kino. MOIA macht das natürlich nicht, vor allem steigen die Opfer freiwillig ein, viele sicher sogar gern. Aber MOIA verlädt die Leute trotzdem.
Im aktuellen Fall ist wieder etwas auffällig, denn anstatt zuerst uns an unserem Ziel abzusetzen, das wir fast erreicht hatten und dann zum zweiten Fahrgast zu fahren, machte MOIA es umgekehrt. Warum? Weil es vom Sieveking Platz 300m weniger sind als vom Rathaus? Mikro-Optimierung auf Kosten der Fahrgäste? Sicher nicht.
Die Antwort lautet: Keine Leerfahrt.

Wenn MOIA uns zuerst abgesetzt hätte, dann hätte das eine Leerfahrt von 4,4 Km zum zweiten Fahrgast bedeutet. Und wenn für diesen 2ten Fahrgast auf seinem Weg zum Hafen kein Pooling zustande käme, wäre er 5,3 Km alleine gefahren. Auf diese Weise aber erzwang MOIA nun ein Pooling und sorgte dafür, dass 2 Besteller 3,2 Km zusammen fuhren. Auch wenn das absurd ist.
Dieses aktuelle Beispiel ist zwar nicht so eklatant, wie das des armen Menschen, der nach Blankenese wollte und dafür erstmal nach Billstedt entführt wurde, aber es zeigt, was hier passiert. Genauso wie das Beispiel des Fahrgastes, der einen sinnlosen Umweg in die Ernst-Horn-Straße in Kauf nehmen musste, bevor er im Hellgrundweg freigelassen wurde.
Auf was sind wir hier also gestoßen?

Evaluierung

Kürzlich hatte MOIA bekannt gegeben, durch eigene Studien die Effekte ihres Poolings auf den Verkehr und die Veränderung des Mobilitätsnutzungsverhaltens der Bürger zu evaluieren. Darüberhinaus wird die BWVI eine eigene Studie zur Überprüfung von MOIAs Wirkung in Auftrag geben. Bei diesen Studien wird der Pooling-Faktor natürlich eine entscheidende Rolle spielen. Für MOIA wird es darum gehen, wissenschaftlich und fundiert glaubhaft zu machen, dass ganz viele Menschen ganz viele Kilometer gleichzeitig in den MOIAs zurückgelegt haben.
Gelingt das, kann MOIA behaupten ihr Pooling sei "erfolgreich".
MOIA hatte von Anfang an erklärt, es gäbe eine Lücke zwischen Taxi und Bus/ Bahn, die man schliessen wolle und dass Kunden bei Nutzung ihres Dienstes Nachteile wie z.B. Umwege in Kauf nehmen müssten. Diese Begründung wird MOIA natürlich vorbringen, sollte man ihre Pooling-Daten infrage stellen.
Dass MOIA alles daran setzt, Pooling zu ermöglichen, ist - so weit, so gut - ihr erklärtes Ziel. Die neuesten Beispiele zeigen jedoch, dass sie versuchen durch Poolnapping ein Pooling zu erzwingen. Ähnlich wie der Pfadfinder in alten Bilderwitzen, der die Oma gegen ihren Willen über die Straße zerrt, um jeden Tag eine gute Tat zu tun. Die Motivation dahinter ist jedoch kein gut gemeinter Übereifer, die Absicht ist keine gute Tat, sondern es geht darum, die Pooling-Quote besser aussehen zu lassen, als sie ist.

travis bickle