Geschnackt

von Klaus Grill

25.5.`18

Heute war also der Bürgertermin mit Frau Martin von der SPD.
Es war sehr interessant.
Es ging los mit einem Vortra… einer Präsentation vom Chef der Hochbahn, dann gab es Fragen zu allerlei Themen, es ging um U-Bahnlinien, Straßenbahnen, Bushaltestellen, Fahrradwege - kein Raum für das Thema Moia.
Was ok war, denn das Thema der Veranstaltung war ja auch allgemein gehalten und nicht speziell „Moia“.
Bis kurz vor Schluss, wo es dann doch noch zu Sprache kam.
Neue Erkenntnisse aus berufenem Munde?
Njain.
Alle Experten - die Wissenschaftlerin, die Politikerin, der Manager - sie alle träumen den Traum von der Zukunft der Mobilität als Service-Mix. Algorithmengesteuert, smartphonebasiert, zugänglich über Apps. Das Auto als Eigentum kommt in dieser Vision nur vor, als ein Ding, das man vermeiden muss. Vielleicht - wenn man mal am Wochende zu Ikea fährt, in dem Fall könnte man beim Auto als Eigentum auch mal ein Auge zudrücken.
Das ist im Grunde die gleiche Leier, die überall gesungen wird. Ein Ding wie Moia ist für diese Experten nur ein Legostein in der Baukastenwelt, die sie für uns als Zukunft wollen.

Dass ein Konzern wie VW keine 300 Millionen Euro versenken will, um ein Legostein zu sein, sondern dass die das machen weil… übrigens keinen der Experten hat genau diese Frage interessiert. Man würde ja vielleicht erwarten, dass eine Politikerin und auch eine Wissenschaftlerin misstrauisch, hellhörig oder wenigstens interessiert daran wären, welche Ziele ein Konzern wirklich verfolgt, wenn er in vorrauseilendem Greenwashing alles daran setzt, seine Dienste quasi zu verschenken. Aber - nö.
Auch der Verantwortliche eines ÖPVN-Anbieters müsste an dieser Stelle doch alarmiert sein, wenn die Konzerne seinen Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge als Markt für sich entdecken. Antwort: Hm, ja, eigentlich schon, aber noch eigentlicher nicht.
Wenn in den USA ein Moia-Epigone bereits den gesamten ÖPVN einer Stadt übernimmt, dann ist das offenbar keine Tatsache.
Es ist interessant gewesen, zu sehen und zu hören, wie diese Leute denken, welche Quellen sie zu ihrer Erkenntnisfindung heranziehen und welche Schlussfolgerungen sie daraus ziehen.
Es wurde auf allerlei Untersuchungen und Statistiken verwiesen, aber die Frage, ob es Hinweise gäbe, ob Ridesharing, Pooling, You-Name-It irgendwo zu einer Reduzierung des Individualverkehrs mit dem eigenen Auto geführt hätte, konnte nicht eindeutig beantwortet werden: CarToGo - nö, nicht so richtig. Leihfahrrad - weiß man nicht, vielleicht.
Untersuchungen, die in der Fachpresse zitiert werden und die offenbar zeigen, dass Fahrdienste wie Uber in USA nicht zu weniger Autos auf der Straße geführt haben, sondern zu mehr Verkehr und mehr Stau, kamen nicht vor. Waren vielleicht unbekannt oder einfach nicht selbstgemacht.
Es ist komisch - man kann den subjektiven Eindruck gewinnen, dass diese Experten ohne wissenschaftliche Untersuchung, ohne Marktbefragung und ohne statistische Auswertung niemals sagen würden, dass das gelbe Ding da drüben eine Banane ist, aber dann sind da wieder so Lücken.
Der Chef der Hochbahn zeigte eine Statistik, dass WLan in den Bussen dazu geführt hat, dass die Kunden das Image der Hamburger Hochbahn insgesamt positiver bewerten würden. Das ist zwar schön für das Image, aber für die Wirklichkeit einer Busfahrt mit all ihren alltäglichen Zumutungen ist es so entscheidend, wie eine Pusteblume auf der Autobahn.
Diese Untersuchung hier, über die positiven Auswirkungen von gutem Design von Fahrgasträumen in z.B. Bussen, würde man der Hochbahn AG gern ans Herz legen, weil dadurch echte Probleme des Alltags behoben würden und ein Zugewinn an Lebensqualität für alle erreicht würde, aber stattdessen gibt es bald USB-Stecker in der U-Bahn, für alle, die gerade ihr Smartphone aufladen müssen. Ist nicht ganz die gleiche Relevanz-Liga, aber gut, muss der Manager selber wissen.
Die Welt und die Zukunft, wie sie von diesen Experten gedeutet wird, gleicht einem Labor. Und Menschen in all ihrer Vielfalt, mit all ihrem individuellen Verhalten, ihren unterschiedlich entwickelten sozialen Kompetenzen und ihren banalen Alltagsproblemen, zusammen gepfercht auf engem Raum, spielen in den Konzepten dieser Leute nur eine Statistenrolle als eine Art Norm-Vertreter. Wie der Homo Economicus in der VWL oder Crash-Test-Dummies bei einem Autokonzern.

Ach ja, auf eine Nachfrage gab es eine spontane Äusserrung von Herrn Falk, dem Hochbahn Chef, die war wirklich der Hammer! Aber das wird hier nicht verraten, denn wen es interessiert, der hätte halt dabei sein müssen… ;)
PS: Frau Martin, Frau Gaffron, und Herr Falk waren wirklich sehr sympathische Menschen. Intelligent, eloquent und auskunftsfreudig. Aber sie haben alle in der gleichen Bibel gelesen.

travis bickle